fast nur TEXT ...
 
diese website begleitet das Zeichnen und Malen von Jürgen Kisch mit Grundschulkindern, 6-11 Jahre, an den Horten der "Pankower Früchtchen": in Französisch-Buchholz und in Wilhelmsruh
wir zeichnen miteinander seit dem November 08, die website startete im November 2009 als work in progress
 
A R L I N
   

arlin ist nah an airline, was Luftlinie heißt - damit ist man schon am Zeichnen
... Berlin, Merlin, Marlin klingen ähnlich
Arlin ist auch ein Frauen- wie Männername aus dem englischen Sprachraum
es kann im Englischen auch "Pfand" bedeuten

 
   

arlin  Übersicht der intro Motive >>hier

   
JK >> Jürgen Kisch, geboren 1961 in Hermannstadt, Siebenbürgen, Rumänien. Malerei, Zeichnung, Text.
Ausführliche Biografie >>hier
 
   
die website > gibt den beteiligten Kindern die Möglichkeit, ihren Beitrag wiederzufinden. Sie können die Situation, den Ort und alles, was zum Machen gehört, in neuer Form sehen, als Bilder am Computer, wo anders und wann anders. Sie können beim Betrachten davon erzählen

für alle anderen kann sich auch zeigen >>
> welche Formen in welchem Alter attraktiv sind > wie die Kinder ihre Situation bildnerisch reflektieren > wie das Zeichnen und Malen auch die Entdeckung ihrer WELT anzeigt und befestigt > wie sie ihr Spiel zum Bild machen können und dabei die Regeln überprüfen > wie sie dabei dazulernen oder wie das jeweilige Wissen im Bild integriert werden kann > wann das Zeichen/Symbol von der Beobachtung abgelöst und ergänzt wird > was gemeinsames Machen ist und an welcher Stelle Persönlichkeit sichtbar wird > welche Erzählung von Gegenwart aus der Perspektive der Kinderzeichnung möglich ist > wie reich (oder vorhersehbar) die Ergebnisse sind > wie nahe oder nicht nahe das an Kunst ist ...
 
   
im Hort läuft das Zeichnen unter Projekte - was in die Sicht der Kinder
übersetzt "was macht man da?" oder "was kann man da machen?" heißt. Die Antwort ist "wir zeichnen und malen" - es wird aber ausserdem gespielt, geübt, erzählt, gesungen, getanzt, gestritten, gelacht - es passiert immer auch etwas anderes. Das bringt manchmal große Unruhe (Stress) in die Situation, wird aber nicht verhindert: es ist kein Unterricht ... die Attraktivität der Situation liegt auch darin, zu allem möglichen Anderen gelangen zu können, um dann wieder zum Zeichnen und zum Bild zurückzukommen

Grundlage ist die Freiwilligkeit der Teilnahme, die Kontinuität als Qualität des Angebots, der Situation, der Partnerschaft. Und ... keine Routine
wir verbringen drei Nachmittage zu ungefähr vier Stunden zusammen
es können gleichzeitig 10 bis 20 Kinder teilnehmen
insgesamt nutzen ungefähr 50 Kinder regelmässig das Angebot

wenn die angebotene Situation reich genug ist, ist ein vorgegebenes Thema nicht nötig Themen stellen sich ein
was ist interessant genug, um etwas daraus, damit, darüber zu machen ...
"was soll ich zeichnen?"
 
   
wwwwww?????.........was ist Kindheit .. jetzt.. in Berlin.. in Pankow?
was beschäftigt die Kinder? wie sehen sie sich selber? was fasziniert sie.. in der ganzen Spannbreite von > was ist süß, was ist schön, was ist grausam, was ist eklig usw? wann ist etwas tabu? was möchten sie verstehen? welches sind die Spielzeuge (=Themen)? wie grenzen sie sich untereinander ab (Mädchen von Jungen, Mädchen von Mädchen, Jungen von Jungen)? was ist Zuhause (=Familie, erweiterte Familie), was ist außerhalb (oder... das Neue, das Unbekannte, das Fremde)? was kann man zeichnen? was nicht?
   
     
der Tisch: der Tisch ist nicht nur Hauptarbeitsplatz, er ist auch Schauplatz
und Spielfeld. Vorbereitet mit einem reichen Sortiment an Mal- und Zeichenmaterial, Spitzern und Radiergummis, den Bilderbüchern, den Hilfsmitteln, Schablonen, Linealen etc bildet er eine Art von Aggregat (als "Angehäuftes verschiedener Art" und als "Motor", als Antriebsmaschine des möglichen Machens).
Dann wird er zur Bühne verschiedener kleiner Gastgegenstände, die hier auf die Spielzeuge der Kinder treffen.
Später zeigt sich an ihm das aktuelle Beziehungsfeld, wer will neben wem sitzen oder nicht sitzen...
Je mehr Tische zur Verfügung stehen, je vielfältiger der Raum organisiert ist, desto besser. Der erweiterte Tisch ist "unter dem Tisch", oder die Wand und der geliebte Boden.
   
   
Der Tisch ist an jedem Nachmittag auch ein potentieller Trickfilm: am Anfang leer und verlassen, dann die prächtige stille Anfangsordnung, dann das schnelle Durchmischen der Gegenstände, das Chaos durch Machen und Benutzen, und zum Schluß das Zusammensuchen und Zurückordnen, "das Aufräumen", das (manchmal) auch ein Spiel werden kann  
   
Material: wir zeichnen, es gibt verschiedene Arten von Stiften, darunter auch sehr farbintensive Ölpastelle, mit denen man zur Malerei kommt.
Dazu verschiedene Papierqualitäten, dicke, dünne, verschiedene Größen, und verschieden große Zeichenhefte, "Bücher" genannt.

Material ist auch alles, was direkt anregt, benutzt werden kann, um zu Zeichnungen und Bildern zu kommen.
 
 
Die Glücksbringer (Votive) aus gebogenem Blech funktionieren als wertvolle silberne Gegenstände und als ideale Schablonen.
Die Motive haben auch auf Kinder eine starke Wirkung.
Sie erweitern und fixieren den kindlichen Vorrat an Formsymbolen. Die Stilisierung ist dabei neben der Bedeutung (=was-es-ist) anziehend und faszinierend.
Das stilisierte Zeichen bindet die Aufmerksamkeit, konzentriert die Bedeutung, und sichert den Zeichnungen so die gewünschte Wirksamkeit.
Die Blechamulette kommen aus der reichen Volkskunst Mexikos, wo immer noch und ständig die Symbolformen verschiedenster religiöser Traditionen in der Populärkultur wiederkehren, umgedeutet und vermischt werden.
Bei unseren Motiven ist das (katholische) Herz mit Kreuz und das brennende Herz neben der Maske, dem Schmetterling und verschiedenen Vögeln.
 
 
Vielleicht gibt es noch eine weitere Verwandtschaft zwischen der Kinderzeichnung und dem Kunsthandwerk: das Kunsthandwerk entwickelt sich als kollektive(=anonyme) Praxis zu und aus einer spezifischen kulturellen Umgebung, Mentalität, Tradition. Parallel dazu lassen sich die Kinderzeichnungen auch als gemeinsam vollzogene Versuche verstehen, die eigenen Verhältnisse mit gemeinsam gewählten Symbolen/Bildanordnungen zu benennen, zu wiederholen und zu befestigen. Dies geschieht in kleinen Schritten oder in großen Sprüngen (über die Bewegung, die Farbe, das Zeichen). Die Zeichnungen sind formal schematisierte eingeübte Aufzählungen von Wirklichkeiten (die Blume, der Schmetterling, die Sonne ... dann das Haus( =wohnen), die Schaukel (=bewegen), das Herz (=geliebt werden) sie übersetzen spielerisch außerbildnerische, gemeinsam durchlaufene Erfahrungen ins Bild.
Ein Amulett (lateinisch amuletum – „Kraftspender“, davor arabisch hammala – „Tragband“) ist ein Gegenstand, dem magische Kräfte zugeschrieben werden, mit denen er Glück bringen (energetische, sakramentale Wirkung) und vor Schaden schützen (apotropäische Wirkung) soll. (wikipedia)
 
   
 
Die Bücher bilden als endlose Reihe von BILDERN potentiell die "gesamte" Natur ab, und bringen sie gleichzeitig in verschiedene lexigraphische Ordnungen. Das Winzige neben dem Riesigen, das Bedrohliche neben dem Niedlichen, das Schöne, Komische und "Hässliche" -- als unendliche emotionale Projektionsfläche.  
   
Die "Gäste" oder "Modelle", die mitgebrachten kleinen Gegenstände bilden neben der Bilderwelt der Bücher einen weiteren Impuls/Anreiz: es sind herrenlose Spielzeuge, belebte oder animierte Nutzgegenstände (Seifenfuß, Nußknackervogel, Wachs-ei-kerze), talismanartiges Zeug (z. B. Schlüsselanhänger) oder antikes, aus seiner Zeit herausgefallenes Spielzeug (frühe Kunststoffgegenstände).
Sie sind seltsam (und wertlos/wertvoll), künstlich hergestellt und verbinden sich in einer Sonderbarkeit, die in leichtem Kontrast zur aktuellen und notwendig normierten Spielzeugwelt der Kinder steht.
 
 
Das Ding als Frage wie Blick auf den Randbereich: was kann man damit machen? soll man damit noch was machen? gefällt mir das? kenn ich das? ... die Ausnahme ins Zentrum gerückt: das komische Teil: die attraktive, der chancenlose Independent-KandidatIn, die Outsider als kaputtes Spielzeug, wertvoller Trash auf dem Weg vom und zum Flohmarkt --
vielleicht markieren diese kleinen Gegenstände auch eine strukturell ähnliche Stelle, wie sie sehr viel später von den (auch zu nichts direkt zu gebrauchenden) Phänomenen beansprucht werden wird, die dann als Kunst gefasst werden können oder nicht ... und sind "Kunst im Kontext" sozusagen ...
 
   
Die littlest pet shops (abgekürzt LPS) werden von den Kindern (vorallem in Französisch-Buchholz) ständig mitgebracht (auch als Reaktion zu den von mir präsentierten Gegenständen).
 
 
Sie wiederholen und verstärken die emotionalen Bindungen der Kinder. Sie sind so klein, daß sie in der Vorstellung und im Spiel problemlos jede Dimension annehmen können. Gleichzeitig ist die Künstlichkeit der Figuren notwendiger Teil der (familiären) Personifikation, der LPS-Pingu hat nichts mit dem echten (oder Zoo-Pinguin) zu tun, der einem anderen oder ferneren Erfahrungsrahmen angehört.
Im Laufe der 4. Klasse läßt die Faszination für die LPS nach und die Superstars (Hannah Montana/Miley Cyrus, Ashley Tisdale etc) rücken vor
 
   
Mitzeichnen. JK ("ich") zeichnet mit > es macht mehr Spaß > eigene Praxis? fremde Praxis? Kinder Praxis? > Kinder können mich "einsetzen", wenn sie nicht weiterkommen ("was? wohin? wie groß?") > Frustrationsschwellen werden nebenbei ("ich kann das nicht zeichnen") erstmal außer Kraft gesetzt > es geht dann nicht mehr um Trainierung und Schulung motorischer Fähigkeiten > auch die "ungeschickten" Kinder können dabei bleiben > gleichzeitig durch "ausmalen", dazuzeichnen, vermischen sich die Handschriften bis zu einem gewissen Grad > das Mitzeichnenlassen ist auch ein Geschenk beider Seiten füreinander

Beispiel: Bennets erstes "Buch" besteht auch aus in seinem Auftrag (für ihn) ausgeführten Zeichnungen, und transportiert trotzdem klar die Entwicklung seiner Vorstellungen, seines Interesses, es bleibt sein Buch
 
   
Die Zeichenbücher (eigentlich ja Hefte, aber ein Heft mit 40! möglichen Seiten ist schon ein Buch...) haben sich in Französisch-Buchholz als Hauptarbeitsform etabliert.
Das funktioniert, da ich in Französisch-Buchholz zweimal pro Woche bin, und so die Bedingung für die Marathonform Buch günstig ist. Die Form lässt sich unter sportlichen Aspekten betrachten: wie viel Seiten habe ich heute gezeichnet, wie viele sind noch übrig ... manche Kinder zeichnen das ganze Heft in einem Rutsch durch.
Normal ist es, sich am Anfang sehr viel Mühe zu geben - und die letzten drei Seiten mit einem Muster oder etwas Krikelkrakel abzukürzen.
Einige Bücher dauern ewig (=mehrere Monate kontinuierlich zeichnen..), und sind von Anfang bis Ende gleich sorgfältig durchgearbeitet. Andere haben ein durchgängiges Thema, da geht es dann um little pet shops, um Power Ranger, Tiere, Gogos, oder um Star wars. Nebenbei bildet die Buchform (automatisch) das gemeinsame Zeichnen ab, spiegelt es als potentielle Erzählung der gemeinsam verbrachten Zeit.
Im Verhältnis zum einzelnen Blatt bietet das Buch einen deutlich erweiterten Handlungsrahmen. Und: in der seltsamen Verknüpfung der einzelnen Zeichnungen tritt das frühe Eigenwillige als Name und Persönlichkeit deutlich und
freiwillig vor. Frühe Autoren.
Vielleicht überleben manche der Hefte, und werden später wiederentdeckt.

Jede Form der Zeichnung ist gleichermassen interessant, es geht daher auch nicht um die Vermittlung einer bestimmten Art von Form, die schnellen, nachlässigen Techniken sind genauso "gut" wie die sorgsam langsam erarbeiteten ... im Buch bleibt das Angefangene, Abgebrochene sehr selbstverständlich neben dem Ausgearbeiteten in einem lebendigen Verhältnis.
Manche Hefte haben deutliche strukturelle Parallelen, da die Kinder auch das aufnehmen, was die Freundin gerade macht, A macht B nach, läuft mit oder hinterher, testet so die beste Technik, sich durch die Blätterreihe durchzuarbeiten. Gleichzeitig sind die "richtigen" Bücher (die Tierbilderlexika) als Inspirationsquelle und Modelle die ganze Zeit präsent, so findet auch ein Transport statt, das Häschen aus dem Lexikon wandert als Zeichnung ins Zeichenbuch. Dann kann man Seitenzahlen hineinschreiben, und die Vierte-Klasse-Kinder haben auch das Inhaltsverzeichnis als Element entdeckt und integriert.
Es gibt ... Bücher mit blauen, roten oder schwarzen Umschlägen (für die Außenseiter), und große (A4 Einzelblatt) mittlere und kleine Bücher (DIN A4, 5, 6)... oder es lassen sich schnell mit Klebeband und Papier auch welche selber machen
 
   
die Gruppenbilder ... Mitgezeichnet haben ... dokumentieren und porträtieren einen Nachmittag.
Sie entsprechen im Format (der Breite) dem Arbeitstisch und sind eine zusätzliche Arbeitsmöglichkeit an der Wand ... wenn "man" Lust dazu hat. Als impulsgebendes Moment zeichne ich, bevor die Kinder kommen, einen ersten mitgebrachten kleinen Gegenstand auf das leere Blatt. Daran kann angeknüpft werden .. oder auch nicht.
Manchmal kommt es zu tatsächlichen kleinen Abschnitten von Gruppenarbeit, und zwei, drei Kinder einigen sich auf eine Idee oder Strategie und führen sie aus. Andere nutzen das Blatt eher dazu, um möglichst riesig ihren Namen darauf zu schreiben. Es gibt zwar immer wieder den Hinweis, lieber zu ergänzen, als die Arbeit anderer zu zerstören, doch es ist durchaus O.K., wenn diese Blätter manchmal zu Schauplätzen der Differenzen innerhalb der Gruppe werden.
Spannungen können symbolisch (= auf dem Blatt) ausgetragen werden. Sie werden Teil des Imaginären. So wird oft mehr überzeichnet und überschrieben als ausgearbeitet.
Die motivische Spannbreite der Zeichnungen reicht von der Gemeinsamkeit einer ablesbaren Szenerie (= Thema, z.b. Stadt, Bauernhof, Gogowelt) zu einem totalen Überschreiben des vorher gezeichneten. Meist ergibt sich eine Mischung beider Tendenzen.
 
   
Das-Spiel wiederholt die surrealistische Collagezeichenmethode (cadavre exquis),
bei der Zufall und Überraschung eine wichtige Rolle spielen. In unserem Fall wird ein in drei Abschnitte gefaltetes Papier von drei (meistens - manchmal auch mehr, manchmal auch weniger) Teilnehmern mit 1KOPF-2KÖRPER-3BEINE bezeichnet.

In gewisser Weise sind diese Figuren die direktesten Selbstbildnisse der Kinder.
Sie funktionieren als Stellvertreter in großer Selbstständigkeit, viele der Figuren sprechen und sagen komische Dinge. Die Herstellung ist auch eine gute Möglichkeit, um den jeweiligen Taburahmen auszutesten und sich so über sie in unsichere Rollen zu begeben.
Das funktioniert (auch) in einer Schaukelbewegung, in die Babyrolle zurück, in die Pubertät hinein.
Es macht großen Spaß, und bleibt auch deswegen immer wieder interessant, weil sich unterschiedliche Interessen und Projektionen (Mädchen/Jungen) in den Figuren mischen (müssen), um manchmal nur noch als Alien ihre Identität zu finden.
 
   
Eines Tages ... so ging die erste der diktierten Geschichten (das kleine Äffchen) los - das Erzählen und die Bilder hängen in der Erfahrung eng aneinander. Was nicht heißt, dass jede Zeichnung eine Erzählung illustriert.
Erzählen ist ein Grundbedürfnis und manchmal kommen die Bilder nicht hinterher. Eine Lösung ist, die jeweilige Erzählung möglichst gleich und direkt abzubilden, und - da ich schneller schreiben kann - sie mir diktieren zu lassen.
So sind die Erzählungen jetzt relativ rechtschreibrichtig, doch voller grammatikalischer Sprünge oder "Fehler", je nachdem, wie man es ansieht. Sprache ist ein lebendiger Körper und die gesprochene Spiegel des Sprechenden, und viele der "Fehler" haben ihre eigene Schönheit und Richtigkeit und sind hier so gelassen, wie sie aufgeblitzt sind.

Ein Beispiel: in Niels LADY Text fährt die Grammatik richtig Slalom:
Lady. Es war mal ein Hund namens LADY. Und es war so glücklich. Und sie hatte einen Freund.
Lady / ein Hund / "es war so glücklich" wie >> es war so schön (statt: er war so glücklich), und sie hatte ..
(statt: er hatte) >> Lady ist ja eine "sie"...
 
...wird fortgesetzt